In der Bagdadstrasse im Shujaeyya-Viertel in Gaza bringt eine Frau ihr Kind durch die Trümmer nach Hause.

«Ich mache mir wirklich Sorgen, was mit der psychischen Gesundheit der Menschen in Gaza passieren wird. Der Waffenstillstand muss halten.»

Katrin Glatz Brubakk, Kinderpsychotherapeutin und Leiterin der Aktivitäten im Bereich psychische Gesundheit bei Ärzte ohne Grenzen (MSF), ist kürzlich von ihrem zweiten Einsatz im Gazastreifen zurückgekehrt.

Sie waren zweimal in Gaza, von August bis September 2024 und im Januar/Februar 2025. Wie war die psychische Verfassung der Menschen, als der Waffenstillstand angekündigt wurde? 

Als der Waffenstillstand begann, konnten die Menschen endlich etwas aufatmen. Sie hatten mehr als 15 Monate lang ums Überleben gekämpft und mussten nun nicht mehr befürchten, dass nachts Bomben auf ihre Zelte fallen oder dass ihre Kinder getötet werden, wenn sie Brot oder Wasser holen gehen. Sie schöpften ein wenig Hoffnung, dass sie zu einer Art Normalität zurückkehren könnten. 

Doch dann begannen sie, sich Sorgen bezüglich ihrer Zukunft zu machen. Wie lange würde der Waffenstillstand andauern? Besteht die Möglichkeit, dass sie in ihre Häuser zurückkehren können? Wie lange würde es dauern, bis ihre Kinder wieder zur Schule gehen könnten? Wäre angesichts der Zerstörung in Gaza ein normales Leben je wieder möglich? Ich sah, wie sich der "Kummer des Friedens" ausbreitete. Während des Krieges war es ums Überleben gegangen, aber mit dem Waffenstillstand fingen  die Menschen an das zu betrauern, was sie verloren hatten: ihre Häuser, ihren Alltag, ihre Familienmitglieder – einige von ihnen liegen noch immer unter den Trümmern –, die Ausbildung ihrer Kinder, ihr Gefühl von Sicherheit, Wohlstand und Hoffnung für die Zukunft. Auch wenn die Bomben nicht mehr fallen, ist die Sorge noch gross. 

Die Menschen haben sich an die Hoffnung geklammert, ihr Leben wieder aufnehmen zu können, solange der Waffenstillstand hält. Einer meiner Kollegen sagte: «Es ist egal, wie viel zerstört wurde, es ist egal, dass wir alles verloren haben, solange sie uns nicht umbringen.» Ich mache mir wirklich Sorgen um die psychische Gesundheit der Menschen in Gaza. Der Waffenstillstand muss halten. Die Kinder haben sich darauf gefreut, wieder in Zimmern zu schlafen, ihre Freunde zu sehen und wieder zur Schule zu gehen. Wenn der Waffenstillstand nicht hält, wird diese Hoffnung verschwinden, und das wird verheerend für die Menschen sein. 

Sie haben im Nasser-Krankenhaus in Khan Younis und im Feldspital in Deir-al-Balah gearbeitet. Was können Sie uns über die Patient:innen erzählen, die Sie dort behandelt haben?  

Die psychische Gesundheit von Kindern und Erwachsenen in Gaza hat stark gelitten. Die Menschen sind schwer traumatisiert und bangen seit mehr als einem Jahr um ihr Leben. Wir sehen depressive Symptome bei Erwachsenen und Kindern – manche reissen sich die Haare aus, beissen sich, sind ständig unruhig oder ziehen sich völlig zurück, weil sie es nicht mehr aushalten. 

Eines der Kinder, das ich in Gaza getroffen habe, wurde von seiner Mutter «Koalabär» genannt. Sie hat ihr diesen Namen gegeben, weil sich das kleine Mädchen die ganze Zeit an sie klammert. Es ist drei Jahre alt, mit lockigem Haar und neugierigen Augen, aber sobald man sich dem Mädchen nähert, weicht es ängstlich zurück und klammert sich noch fester an seine Mutter. Das Mädchen lebte mit seiner Familie im Norden des Gazastreifens. Zuerst fielen Bomben, auch das Mädchen wurde verletzt. Dann hatte die Familie nicht mehr genug zu essen, und die nur 14 Monate alte Schwester des Mädchens verhungerte. Seitdem klammert sich das kleine Mädchen ständig an seine Mutter. 

Sie weicht nicht von deren Seite. Selbst wenn irgendetwas das Interesse der Dreijährigen weckt, bleibt sie immer ganz nahe bei ihrer Mutter. Das sind die Auswirkungen des Krieges auf Kinder. Sie haben ständig Angst. Denn sie haben erlebt, dass das Leben extrem unsicher sein kann, und dass ihnen das Schlimmste passieren kann. Sie können nicht wirklich Kinder sein und spielen, lernen, erforschen oder Freundschaften schliessen. All diese Dinge, die die Grundlage für eine gesunde menschliche Entwicklung bilden, wurden und werden ihnen genommen. Dieser Krieg wird noch jahrelang ein Teil von ihnen sein. 

Warum ist es wichtig, dass der Waffenstillstand anhält? 


Der Waffenstillstand muss halten, weil diese Kinder sonst wieder im extremen Überlebensmodus gefangen sind, in dem es ständig darum geht, am Leben zu bleiben. Er muss halten, damit sie wieder eine Zukunft haben. Der Waffenstillstand muss halten, weil dieser Krieg einen immensen Tribut fordert, sowohl physisch als auch psychisch. Die Menschen ertragen die tägliche Angst vor dem Tod nicht mehr. Sie wollen sich nicht mehr ständig Sorgen machen müssen, wie sie ihre Kinder am Leben erhalten sollen. Der Waffenstillstand im Gazastreifen muss halten, denn die Ungewissheit, die Angst und das Trauma sind für niemanden mehr zu ertragen.